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Liebe bedeutet loslassen

  • Autorenbild: Petra
    Petra
  • 17. März
  • 4 Min. Lesezeit

Die Bedeutung dieses Satzes habe ich durch den Tod meines Pferdes Haddi letztes Jahr einmal mehr verstanden, aber vor allem auch innerlich gespürt. Haddi hat mich 20 Jahre meines Lebens begleitet, er war immer an meiner Seite, egal welche Höhen und Tiefen ich durchlebt habe. Er war der starke, verlässliche Partner, der mich so angenommen hat, wie ich war, auch dann, wenn ich mich selbst am meisten abgelehnt habe. Die Beziehung zu meinem Pferd war für mich erfüllend, intensiv und so fein, wie ich sie noch zu keinem Menschen erlebt habe – natürlich kann man hier sagen, es ist ja auch ein Tier und kein Mensch und dennoch zeichnete sich unsere Beziehung durch ein tiefes Vertrauen, dem gegenseitigen Respekt und die Liebe zueinander aus. Ich war und bin ein Pferdemensch, weil ich Pferde an sich unglaublich beeindruckend und stark finde. Pferde sind Lebewesen, die durch ihr bloßes Sein Stärke und Präsenz ausstrahlen. Jedes Pferd ist einzigartig im Charakter, genauso wie wir Menschen es sind. Das Vertrauen eines Pferdes zu gewinnen ist etwas unvorstellbar Schönes, denn sie geben das Vertrauen an ihren Menschen zurück. Haddi war ein in sich ruhendes Pferd, immer allen Menschen zugewandt und mein Fels in der Brandung. Ich habe mit Haddi immer sehr viel Zeit verbracht und in ihm meinen besten Freund und engsten Vertrauten gesehen. Ihm konnte ich alles erzählen, was mich belastet hat, ich konnte mich anlehnen, wenn ich Halt gebraucht habe, er hat mich getragen, wenn ich getragen werden wollte, all meine Gefühle, die positiven wie die negativen konnte ich in seiner Gegenwart einfach da sein lassen und mit ihm teilen. Und gleichzeitig habe ich für ihn natürlich all die Jahre Verantwortung übernommen und getragen. Wenn ich mal wieder umgezogen bin, war mit ein zentraler Punkt neben der Wohnungssuche einen passenden Stall für ihn zu finden – er war ein Draußen-Pferd, d.h. für mich war es wichtig, dass er in einem Offenstall mit großer Weide und vielen anderen Artgenossen leben konnte, damit er glücklich und zufrieden war. Für uns beide gab es nichts Schöneres als draußen im Wald umherzustreifen, teilweise stundenlang, bei Wind und Wetter. Die Zeit zusammen war für mich wie eine Auszeit vom Alltag, mir ging es danach immer besser, als wenn ich zu Haddi hin gefahren bin. Diese Besonderheit wollte ich auch in meine Arbeit mit Kindern und Jugendlichen einfließen lassen, die ich als Sozialpädagogin in einer therapeutischen Wohngruppe betreut habe. Deshalb habe ich die Weiterbildung zur Reittherapeutin gemacht und immer einige Kinder meiner Wohngruppe zu Haddi mitgenommen, um ihnen ein Stück besonderes Erlebnis zu ermöglichen. Die Ruhe von Haddi hat sich auch auf die Kinder der Wohngruppe übertragen – das Draußen sein, die ruhige Präsenz des Pferdes, das Getragen werden, all das waren Lernerfahrungen, die sich positiv auf die Stimmung und das Verhalten der Kinder ausgewirkt haben. Ich war sehr dankbar und glücklich, dass ich den Kindern und Jugendlichen aus meiner Wohngruppe diese Erfahrungen ermöglichen konnte. Irgendwann kam es dann zu dem Punkt, dass ich gemerkt habe, dass Haddi alt wurde. Zunächst an der Graufärbung seines Gesichts, seiner Augen, seines Fells, dann auch an seiner Atemwegserkrankung, die ihm große Probleme gemacht hat und irgendwann kam der Punkt, an dem er – auch wenn das bei Pferden nicht erwiesen ist – dement wurde. Die letzten Jahre gingen wir vor allem nur noch spazieren, da ich ihm aufgrund schwindender Muskulatur, vor allem im Rücken, kein Reitergewicht mehr zumuten wollte. Auf einem Spaziergang, welches dann auch unser Letzter war, war Haddi sehr schreckhaft und wollte ständig zurück zu seiner Herde, hat nach ihnen gewiehert und war ganz außer sich. Er hat sich erst beruhigt, als wir wieder zurück in den Stall kamen. Das war dann für mich das Signal – er möchte nicht mehr spazieren gehen, sondern einfach nur noch bei seiner Herde sein. In den folgenden sechs Wochen bis zu seinem Tod war ich also nur noch da – ich war mit Haddi in seiner Herde, in seinem vertrauten Rahmen, der ihm die notwendige Sicherheit bot. Und diese Zeit war so intensiv, so traurig und so schön zugleich. Ich konnte mich sechs Wochen lang verabschieden, loslassen, Haddis Bedürfnisse nach Nähe, Zuwendung und Geborgenheit im Kleinen erfüllen. Diese Stunden bei und mit ihm haben mich selbst ganz ruhig gemacht und mit tiefer Dankbarkeit erfüllt. Kurz vor seinem Tod haben wir uns eine Nacht mit unserem Camper vor seine Weide gestellt und es war wunderbar, so lange die Zeit mit ihm zu teilen. Anfang Mai war es dann so weit, dass sich sein Zustand verschlechterte und ich spürte, dass es Zeit war, ihn gehen zu lassen. Ich spürte, dass er nicht mehr wollte und dass sich auch die Herdenmitglieder von ihm etwas distanzierten. Zum Glück hatte ich eine wundervolle Tierärztin an meiner Seite, die mich in meinem Erleben und meiner Beziehung zu Haddi sehr ernst nahm. An dem Tag, an dem sie Haddi dann einschläferte, war ich den ganzen Tag bei ihm. Die meiste Zeit sah ich ihm beim Schlafen zu, war einfach da und wir teilten die letzten Stunden. Als die Tierärztin kam, war Haddi bereit. Er schlief mit seinem Kopf auf meinem Schoß ein und schaute mich noch ein letztes Mal an, bevor er seine Augen schloss. Ich war unendlich traurig und gleichzeitig so dankbar, dass ich es rechtzeitig geschafft habe, ihn loszulassen. Liebe bedeutet loslassen, das habe ich mit Haddi einmal mehr gespürt und auch gelebt. Ich bin Haddi auf ewig dankbar und er wird immer einen großen Teil in meinem Herzen einnehmen. Danke Haddi!




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